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Kritische Berichte über Behörden, Gerichte und Verwaltung in Kiel, Schleswig-Holstein und Hamburg
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Mein Justizpostfach: Wartung ohne Zeitraum

Mein Justizpostfach: Wartung ohne Zeitraum
„In diesem Zeitraum“ sei das Postfach gesperrt, sagte die Wartungsseite. Welcher Zeitraum das war, sagte sie nicht.
„Mein Justizpostfach“ war wieder wegen Wartung gesperrt, diesmal ab Mittag, kurzfristig und gut einen Tag lang. Angekündigt hat der Betreiber das nur auf seinem Serviceportal, das Ende verschob er viermal. Die Wartungsseite sprach von „diesem Zeitraum“, nannte aber keinen. Programme erfuhren nicht einmal, dass gewartet wurde: Der Server meldete ihnen Erfolg. Sein eigener Quelltext empfiehlt etwas anderes. Auch Impressum und Datenschutzerklärung waren nicht zu erreichen.
„Mein Justizpostfach“ (MJP) war von Donnerstagmittag, dem 22. Oktober 2026, bis Freitag, 12:33 Uhr, gesperrt. Über das MJP reichen Bürger, Vereine und Unternehmen Schriftsätze elektronisch bei Gerichten ein. Gerichte und Behörden stellen darüber zu. Wer mjp.justiz.de aufrief, sah statt seiner Nachrichten eine Seite mit der Überschrift „Wartungsarbeiten“.

Ende Juli war das Postfach schon einmal wegen Wartung gesperrt, damals für anderthalb Tage. Die Knooper Zeitung hat darüber berichtet: MJP abgeschaltet: Wartung mitten in laufende Fristen. Diesmal kam die Sperre kurzfristig und mitten am Tag. Und die Wartungsseite sagte nicht, wie lange sie dauern sollte.

Angekündigt auf dem Serviceportal
Angekündigt hat der Betreiber die Sperre auf dem Serviceportal zu „Mein Justizpostfach“. Das ist eine eigene Website neben dem Postfach. Dort steht in einem roten Kasten:
ACHTUNG: Aufgrund von kurzfristig notwendigen Wartungsarbeiten ist das MJP ab 22.10.2026 12:30 Uhr bis voraussichtlich 22.10.2026 18.00 Uhr nicht erreichbar.

Bis 18:02 Uhr nannte die Startseite des Serviceportals als Zeitpunkt ihrer letzten Änderung 12:31:52 Uhr. Das ist knapp zwei Minuten nach dem angekündigten Beginn. Ob der Hinweis schon vorher dort stand, lässt sich nicht nachprüfen: Kein öffentliches Webarchiv hat die Seite an diesem Tag vor 16:40 Uhr aufgenommen. Eine Ankündigung an anderer Stelle hat die Knooper Zeitung am Nachmittag nicht gefunden. Das Verzeichnis der aktuellen EGVP-Meldungen, in dem im Juli die Wartung aufgeführt war, ließ sich am 22. Oktober nicht abrufen. Die Seite antwortete um 17:17 Uhr, 18:06 Uhr und 18:38 Uhr nicht, auch dem Internet Archive nicht.

Zwei Minuten nach dem angekündigten Ende, um 18:02 Uhr, änderte der Betreiber den Kasten. Danach hieß es dort „bis voraussichtlich 22.10.2026 20.00 Uhr“ (Aufnahme im Internet Archive). Um 19:29 Uhr verschob er das Ende auf den nächsten Morgen. Danach stand dort „bis voraussichtlich 23.10.2026 10.00 Uhr“ (Aufnahme im Internet Archive). Am Freitag um 9:28 Uhr verschob er das Ende ein drittes Mal, auf 12 Uhr (Aufnahme im Internet Archive). Um 11:40 Uhr folgte die vierte Verschiebung. Danach stand dort „bis voraussichtlich 23.10.2026 14:00 Uhr“ (Aufnahme im Internet Archive).

Neben dieser Zeitangabe steht im Quelltext ein Block, den Besucher nicht sehen. Er nennt, wer als Autor der Seite eingetragen ist: eine persönliche E-Mail-Adresse aus Vor- und Nachnamen mit der Endung „@westernacher.com“. Dieselbe Adresse steckt im Link auf eine Autorenseite.

Was ein Postfach-Programm aufzeichnete
Wie die Sperre ablief, zeigen die Protokolle eines Programms. Es fragt ein MJP-Postfach alle ein bis zwei Minuten nach neuen Nachrichten ab.
UhrzeitWas geschah
12:30 UhrBeginn der Wartung laut Serviceportal
12:31:22 Uhrletzter gelungener Abruf der Nachrichten
12:31:52 Uhrletzte Änderung der Startseite des Serviceportals
12:33:02 Uhrerster gescheiterter Abruf, Meldung des Browsers: „TypeError: Failed to fetch“
12:56:57 UhrDie geöffnete Postfach-Seite kann ihre Sitzung nicht mehr verlängern.
13:06:51 UhrDie Postfach-Seite kündigt die Abmeldung in fünf Minuten an: Die Höchstdauer der Sitzung sei bald erreicht.
13:07 UhrKlick auf „Abmelden“: Der Browser zeigt „HTTP ERROR 405“.
14:37:08 Uhrerster Abruf von außen: mjp.justiz.de liefert die Wartungsseite
14:50:44 UhrAuch die Schnittstelle api.mjp.justiz.de liefert die Wartungsseite.
18:00 Uhrangekündigtes Ende; das Postfach bleibt gesperrt
18:02:11 UhrDas Serviceportal verschiebt das voraussichtliche Ende auf 20:00 Uhr.
19:29:43 UhrDas Serviceportal verschiebt das voraussichtliche Ende auf Freitag, 23. Oktober, 10:00 Uhr.
Freitag, 9:28:51 UhrDas Serviceportal verschiebt das voraussichtliche Ende auf 12:00 Uhr.
Freitag, 11:40:59 UhrDas Serviceportal verschiebt das voraussichtliche Ende auf 14:00 Uhr.
Freitag, 12:33:07 Uhrletzter Abruf von außen mit Wartungsseite
Freitag, 12:33:55 Uhrmjp.justiz.de liefert wieder das Postfach.

Auf der geöffneten Postfach-Seite verzeichnete das Programm bis 13:06 Uhr keine Änderung. Dann erschien ein Hinweis. Er betraf nicht die Wartung, sondern das Ende der Sitzung: „Die maximale Sitzungsdauer wird in Kürze erreicht.“

Welcher Zeitraum?
Die Wartungsseite lautet vollständig:
Wartungsarbeiten
Aktuell finden Wartungsarbeiten am MJP (Mein Justizpostfach) statt.
In diesem Zeitraum ist ein Zugriff auf die MJP-Postfächer nicht möglich. Dies betrifft den Versand von Nachrichten, den Zugriff auf den Nachrichtenbestand und auf die Postfachdaten (Benutzername/Kennwort) im MJP.
Während der Wartungsarbeiten können Nachrichten an MJP-Postfachinhaber versendet werden. Die Einsicht bzw. das Lesen der Nachrichten durch die MJP-Postfachinhaber ist jedoch erst nach Beendigung der Wartungsarbeiten möglich.

„In diesem Zeitraum“: Ein Zeitraum steht nirgends auf der Seite. Im Quelltext steht unmittelbar über dem ersten Satz ein Kommentar, den Besucher nicht sehen: „Zeitraum bei jeder Wartung hier anpassen“. Angepasst wurde nichts. Laut Server wurde die Seite zuletzt am 7. September 2026 geändert.

Im Juli hatte die Wartungsmeldung denselben Wortlaut, bis auf einen Satz. Damals hieß es noch: „Bitte beachten Sie dies insbesondere bei laufenden Fristen.“ Dieser Satz fehlt jetzt.

Im Kopf der Seite steht unter dem Wort „MEIN“ ein leerer grauer Kasten. Auch dazu gibt der Quelltext Auskunft: „Der graue Kasten ist ein Platzhalter. Bei Bedarf durch das offizielle Emblem ersetzen“. Wer die Seite geschaltet hat, steht gleich in der dritten Zeile des Quelltexts, noch vor dem eigentlichen Seitenanfang: „Betreiber dieser Schaltung: Westernacher Solutions GmbH“. Zu sehen ist das im Browser über „Seitenquelltext anzeigen“.

Nachprüfbar bleibt das auch nach der Wartung. Das Internet Archive hat die Wartungsseite um 16:40 Uhr aufgenommen, als Seite und als unveränderte Datei samt Quelltext. Ebenso die Startseite des Serviceportals mit Ankündigung und Autorenblock. Beide Aufnahmen stimmen Byte für Byte mit den Abrufen der Knooper Zeitung überein.

Für Programme sieht die Wartung aus wie ein Erfolg
Jede Antwort eines Webservers beginnt mit einer dreistelligen Zahl, dem Statuscode. 200 heißt: Alles in Ordnung, hier ist die Seite. 503 heißt: Der Dienst ist vorübergehend nicht verfügbar. Mit der Angabe „Retry-After“ kann der Server dazu sagen, wann ein neuer Versuch lohnt. So regelt es der Standard für das Web, RFC 9110.

Die Wartungsseite des MJP kommt mit dem Statuscode 200. Eine Angabe „Retry-After“ fehlt. Das gilt für jede Adresse unter mjp.justiz.de. Es gilt auch für die Schnittstelle api.mjp.justiz.de, über die Programme Nachrichten abrufen. Ein Programm, das dort Daten erwartet, bekommt eine Webseite. Dazu die Meldung, alles sei in Ordnung.

Im Browser kommt etwas hinzu. Eine Seite darf Daten von einer anderen Adresse nur lesen, wenn die Antwort eine Freigabe dafür mitbringt (CORS). Die Wartungsseite bringt keine mit. Der Browser verwirft die Antwort deshalb und meldet nur: „TypeError: Failed to fetch“. Auch die geöffnete Postfach-Seite holt ihre Daten bei api.mjp.justiz.de. Ihre Sitzungsverlängerung scheiterte mit derselben Meldung. Es liegt nahe, dass sie deshalb nichts von der Wartung anzeigte.

Wie es richtig ginge, steht im Quelltext der Wartungsseite selbst:
Empfehlung fuer den produktiven Betrieb: Diese Seite mit HTTP-Status 503 (Service Unavailable) ausliefern und einen Retry-After-Header setzen, damit Clients und Suchmaschinen die Nichtverfuegbarkeit korrekt als temporaer werten

Als Beispiel nennt der Kommentar ein Ende am „Fri, 31 Jul 2026 20:00:00 GMT“, „hier 22:00 Uhr MESZ“. Das ist genau das angekündigte Ende der Wartung im Juli. Umgesetzt ist die Empfehlung auch drei Monate später nicht.

Abmelden: Fehler 405
Ein Klick auf „Abmelden“ um 13:07 Uhr endete auf einer Fehlerseite des Browsers. Sie meldete für die Adresse mjp.justiz.de/auth/logout „HTTP ERROR 405“. Der Code bedeutet: Diese Art von Anfrage nimmt der Server an dieser Adresse nicht an (RFC 9110). Es liegt nahe, dass der Server, der während der Wartung nur eine feste Seite ausliefert, den Abmeldebefehl gar nicht kennt. Ob die Sitzung beim Postfach selbst beendet wurde, zeigt die Fehlerseite nicht.

Kein Impressum, keine Datenschutzerklärung
Wer wissen will, wer für Postfach und Serviceportal verantwortlich ist, kommt während der Wartung nicht weiter. Das Serviceportal hat kein eigenes Impressum. Die Adresse mjpserviceportal.de/impressum/ meldet „nicht gefunden“ (HTTP 404). Der Link „Impressum“ am Seitenende führt auf mjp.justiz.de/#/impressum. Dort stand bis zum Ende der Wartung nur die Wartungsseite. Dasselbe gilt für die Links „Datenschutz“ und „Barrierefreiheit“.

Das trifft auch das Formular „MJP Supportanfrage“, über das Nutzer auf dem Serviceportal Hilfe anfordern. Es verlangt Vorname, Nachname, E-Mail-Adresse und die vollständige Anschrift. Pflichtfeld ist auch ein Haken bei diesem Satz: „Ich willige in die Verarbeitung meiner personenbezogenen Daten zum Zweck der Klärung meines Anliegens ein. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.“ Der Link auf die Datenschutzerklärung führte ebenfalls zur Wartungsseite.

Der Verantwortliche muss dem Betroffenen bei der Erhebung seiner Daten unter anderem seinen Namen und seine Kontaktdaten mitteilen (Art. 13 Abs. 1 DSGVO). Eine Einwilligung zählt nur, wenn sie „in informierter Weise“ abgegeben wird (Art. 4 Nr. 11 DSGVO). Während der Wartung konnte ein Nutzer, der das Formular abschickte, beides nicht nachlesen.

Zugestellt wird weiter
Die Wartungsseite sagt es selbst: Nachrichten an MJP-Postfächer können weiter versandt werden. Lesen kann der Empfänger sie erst nach der Wartung. Ein elektronisches Dokument an eine Privatperson gilt am vierten Tag nach dem Eingang im Postfach als zugestellt (§ 173 Abs. 4 Satz 4 ZPO). Das gilt nicht, wenn der Empfänger nachweist, dass ihn das Dokument später erreicht hat (§ 173 Abs. 4 Satz 5 ZPO).

Wer am Donnerstag eine Frist wahren musste, konnte dafür ab Mittag das MJP nicht mehr nutzen. Die Frist lief bis 24 Uhr, die Sperre bis Freitag, 12:33 Uhr. Was gilt, wenn eine Sperre über das Fristende hinaus dauert, steht im Bericht zur Wartung im Juli.

Nicht zum ersten Mal
Im Juli war das MJP vom 29. Juli, 8:30 Uhr, bis zum Abend des 30. Juli gesperrt. Angekündigt war die Sperre bis zum 31. Juli, 22:00 Uhr. Eine Meldung über das frühere Ende gab es nicht.

Im August 2024 war das Postfach mehrere Tage lang nicht zugänglich. Das berichtete heise online am 22. August 2024. Auch damals erschien beim Aufruf eine Wartungsmeldung. Angekündigt war keine Wartung. Und wann sie enden sollte, stand nicht auf der Seite.

Am Freitag um 12:33:55 Uhr lieferte mjp.justiz.de wieder das Postfach (Aufnahme im Internet Archive). Ein Abruf um 12:33:07 Uhr hatte noch die Wartungsseite gezeigt. Vom letzten gelungenen Abruf der Nachrichten am Donnerstag um 12:31 Uhr an gerechnet, war das Postfach damit gut 24 Stunden gesperrt. Angekündigt waren zunächst fünfeinhalb. Das Serviceportal kündigte die Sperre auch danach noch „bis voraussichtlich 23.10.2026 14:00 Uhr“ an (Aufnahme im Internet Archive um 12:35 Uhr).
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